Eklat vor Verleihung der Kompassnadel in Köln

Seit 2000 lädt die Aidshilfe NRW gemeinsam mit dem Schwulen Netzwerk NRW anlässlich des ColognePride Anfang Juli zum CSD-Empfang. Im Rahmen dieses Empfangs verleiht das Schwule Netzwerk NRW seit 2001 die Kompassnadel an Persönlichkeiten, die sich um die Förderung der gesellschaftlichen Akzeptanz der schwulen Minderheit besonders verdient gemacht haben.

Stein des Anstoßes: SPIEGEL-Berichterstattung über Aids in den 1980er Jahren © Rudolf Augstein GmbH & Co. KG, Hamburg

Stein des Anstoßes: SPIEGEL-Berichterstattung über Aids in den 1980er Jahren
© Rudolf Augstein GmbH & Co. KG, Hamburg

Der gemeinsame CSD-Empfang des Schwulen Netzwerks NRW und der AIDS-Hilfe NRW wird am Samstag, 6. Juli 2013 von 13.00 bis 15.00 Uhr anlässlich des weltweit begangenen Christopher Street Day [CSD] in der „guten Stube“ Kölns, dem GÜRZENICH stattfinden. Die Veranstalter erwarten hierfür etwa 800 geladene Gäste aus ihren Mitgliedsorganisationen, aus kooperierenden Verbänden, aus Politik, Wirtschaft und Kultur.

Der CSD-Empfang des Schwulen Netzwerks NRW e.V. findet 2013 zum zwanzigsten Mal statt. Seit dem Jahr 2000 führen ihn die AIDS-Hilfe NRW e.V. und das Schwule Netzwerk NRW e.V. gemeinsam durch. Im Rahmen des Empfangs verleiht das Schwule Netzwerk NRW zum zwölften Mal den Preis DIE KOMPASSNADEL. Mit der Kompassnadel zeichnet das Schwule Netzwerk NRW e.V. in zwei Kategorien [ehrenamtliches Engagement | Person des öffentlichen Lebens] Persönlichkeiten aus, die sich besonders um die Förderung der gesellschaftlichen Akzeptanz der schwulen Minderheit verdient gemacht haben.

Die Auszeichnung in diesem Jahr soll die Print- und Onlineredaktion des Magazin „DER SPIEGEL“ sowie Falk Steinborn für sein Projekt „queerblick“ erhalten. Doch über die Preisverleihung an den „DER SPIEGEL“ gibt es im Vorfeld unterschiedliche Meinungen.

Im Vorfeld der diesjährigen Preisverleihung distanzierte sich bereits die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) von der Preisverleihung. In einer Mitteilung vom 28. Januar 2013 hieß es: „Die Deutsche AIDS-Hilfe distanziert sich von der Auszeichnung an den ,SPIEGEL‘ und wird die Preisverleihung im Juli im Kölner Gürzenich in keinster Weise unterstützen. Unser Verband hat seinen Platz an der Seite der ,Aids-Veteranen‘, für die diese Auszeichnung ein Schlag ins Gesicht ist.

Sofern das Schwule Netzwerk NRW glaubt, mit der Preisverleihung beim ,SPIEGEL‘ einen Lernprozess initiieren oder begleiten zu können, halten wir das für keine geeignete Maßnahme einer glaubhaften Aufarbeitung, weil der Wille dazu allein vom ,SPIEGEL‘ ausgehen muss. Das Nachrichtenmagazin hat hier eine Bringschuld, die bis heute nicht erfüllt ist. Stattdessen droht mit der Kompassnadel-Auszeichnung ein geschichtsblindes ,Schwamm drüber‘!“

Ferner heißt es in der Mitteilung, dass der „SPIEGEL“ damit die Forderungen nach einer repressiven Aids-Politik befeurte, die ganz in der Manier einer „Bundesseuchenpolizei“ auf die Ausschaltung von möglichen Infektionsquellen gerichtet war. „Dadurch wurden übelste Ressentiments gegen schwule Männer befördert.“

Nur wenige Tage vor der Verleihung der Kompassnadel beim CSD-Empfang am Samstag im Kölner Gürzenich, erreicht die Kritik an der Auszeichnung des Nachrichtenmagazins „DER SPIEGEL“ nun einen Höhepunkt. Nun sorgen zwei weitere Absagen für einen handfesten Eklat: Vorjahrespreisträger Prof. Martin Dannecker will die Kompassnadel nicht an den „SPIEGEL“ überreichen und Olaf Lonczewski, stellvertretender Landesvorsitzender der Aidshilfe NRW, sagt mit einem offenen Brief seine Teilnahme ab.

Prof. Dannecker schreibt dem Schwulen Netzwerk ins Stammbuch, was er von der Preisverleihung an den SPIEGEL hält: „Abgesehen davon, dass ich über die außerordentlich fragwürdigen Berichte des SPIEGEL zum Thema AIDS, die ja eine regelrechte antihomosexuelle Kampagne waren, nicht einfach hinwegsehen kann, halte ich Eure Begründung für die Preisverleihung an den SPIEGEL gelinde gesagt für merkwürdig, oder besser gesagt für haltlos.“

Der renommierte Sexualwissenschaftler und Gründervater der bundesdeutschen Schwulenbewegung ist nicht der Auffassung, dass sich der SPIEGEL um die Akzeptanzförderung der schwulen Minderheit verdient gemacht hat und mag deshalb die Auszeichnung nicht an das Nachrichtenmagazin übergeben. „Mit ein paar bedauernden Bemerkungen lässt sich die AIDS-Politik des SPIEGEL nicht einebnen. Man kann diese, weil sie nun einmal wirkungsvoll war, nicht zuletzt weil sie niedrige Affekte bediente, nicht einfach zum Verschwinden bringen“, so Dannecker in seiner Absage an das Schwule Netzwerk.

Mit einem offenen Brief sagt auch Olaf Lonczewski seine Teilnahme an der Preisverleihung ab. Der stellvertretende Landesvorsitzende der Aidshilfe NRW kritisiert vor allem die Wahl des Positiven-Aktivisten Marcel Dams als Laudator für den SPIEGEL: „Durch die Benennung des Laudators wird für mich eine Grenze überschritten. Marcel ist nicht nur erfolgreicher Vlogger gegen Diskriminierung von Menschen mit einer HIV-Infektion und Aids, sondern auch Mitarbeiter der Aidshilfe NRW und zu jung, um die Anfangszeiten des Kampfes gegen Stigmatisierung und Diskriminierung nach Auftreten der ersten Fälle von Aids erlebt zu haben…. Außerdem entsteht für mich der Eindruck einer Instrumentalisierung.“

Für das Nachrichtenmagazin „DER SPIEGEL“ wird am Samstag der für das Deutschland-Ressort verantwortliche Redakteur Dr. Markus Verbeet den Preis entgegennehmen. In einem Vorab-Interview mit dem Queer-Magazin „FRESH“ erklärte Verbeet, bei der Preisverleihung auf die anhaltende Kritik einzugehen. Die SPIEGEL-Redaktion fühle sich aber durch die Auszeichnung geehrt. (15441)

  

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2 Kommentare zu “Eklat vor Verleihung der Kompassnadel in Köln”

  1. Die Schwulen werden alle sterben: Die Lust des “Spiegel” an der Apokalypse durch Aids « Stefan Niggemeier

    [...] und schwule Aktivist Martin Dannecker, der die »Kompassnadel« im vergangenen Jahr erhielt, will sie nicht, wie sonst üblich, an den neuen Preisträger überreichen. Er nennt die Berichte des »Spiegel« zum Thema Aids »außerordentlich fragwürdig« und »eine [...]

  2. Der “Spiegel” rafft sich nicht zu einer Aufarbeitung seiner dunklen Aids-Zeit auf « Stefan Niggemeier

    [...] Die deutsche Aids-Hilfe nannte sie »unsäglich« und »an die Grenze zur Hetze reichend«. Martin Dannecker nannte sie »fragwürdig« und »eine regelrechte antihomosexuelle Kampagne«, die »niedrige [...]

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